Förderverein Kulturhistorisches Museum Nürnberg e.V.
Rathaussaal 1945 Der Nürnberger Rathaussaal in der bis 1945 existierenden Gestaltung mit Wandmalereien und prunkvoll geschmücktem Tonnengewölbe. Aufnahme aus dem Jahre 1936 (Bild: Stadtarchiv Nürnberg, A38-F-81-3)

Projekt Rathaussaal

Plädoyer für die vollständige Wiederherstellung des großen Rathaussaals in Nürnberg

An ernsthafter wissenschaftlicher Literatur zu diesem Thema liegt dem Verfasser das umfangreiche Werk von Matthias Mende “Das alte Nürnberger Rathaus” Bd. 1, 1979, vor, das sich ausführlich mit der Baugeschichte und Ausstattung dieses Baukomplexes befasst. Leider spielen Mendes Erkenntnisse in der derzeitigen Diskussion um die vollständige Rekonstruktion des Rathaussaals praktisch keine Rolle mehr. Sie werden schlichtweg ignoriert. Des weiteren hat sich jüngst Prof. Carsten-Peter Warncke aus Göttingen in seinem Beitrag “Dürers größtes Werk” in „Dürer und das Nürnberger Rathaus“ 2013 eingehend mit dem Gegenstand befasst und plädiert nachdrücklich für eine Rekonstruktion aufgrund der außergewöhnlich guten Quellenlage. Von den Experten der Runde vom 7.5.2013 ist sonst keiner durch einschlägige Publikationen zum Thema hervorgetreten. Zum besseren Verständnis seien hier nochmals die geschichtlichen Basisdaten aufgeführt (ausführlich Mende S. 26 bis 98):

Rathaussaal 1985 Die im Jahr 1985 aufgenommene Fotografie gibt den heutigen Zustand des leeren Saales wieder. Schon 1989 wurde eine Neubemalung durch M.M. Prechtl in Erwägung gezogen, jedoch als unpassend verworfen. (Bild: Stadtarchiv Nürnberg A40-L-4510-31)
1340

Fertigstellung des Saalbaus

1521

Neuausstattung als Raumgesamtkunstwerk mit dem Bildprogramm Dürer/Pirckheimer

Wovon sich zwei Originalentwurfszeichnungen Dürers, der „Triumphzug Kaiser Maximilians“ und „Die Verleumdung des Apelles“ in der Wiener Albertina, erhalten haben.

1613

1613 bis 1621 erfolgte die Renovierung und Anpassung an den neuen Wolffschen Bau.

“Dabei legte der Rat großen Wert darauf, dass auch bei der Neubemalung oder Kopie alle von Dürer entworfenen Szenen für die späteren Generationen erhalten blieben.” (Zitiert aus: Stadt Nürnberg Bürgerinformation, Der Alte Rathaussaal August 1991).

1904

1904/5: Renovierung durch Hans Haggenmiller.

1945

2.1.1945: Totalzerstörung bis auf die Außenmauern.

1958

Bis 1958: Außenrenovierung und ab 1980 Innenausbau bis zum jetzigen Zustand.

1989

1989: Der Plan, den Rathaussaal nach einem Entwurf M. M. Prechtls ausmalen zu lassen, scheiterte, nicht zuletzt am Widerstand der Nürnberger Bürgerschaft.

Das Rathaus, insbesondere der Wolffsche Bau von 1621, entstanden in Konkurrenz zum Augsburger Pendant, war der zentrale Ort reichsstädtischer Repräsentation. Hier fanden die Reichstage statt, darunter so wichtige wie der der Erlass der Goldenen Bulle 1356. Das Friedensmahl von 1649 wurde hier abgehalten als wichtige Etappe zur endgültigen Beendigung des 30jährigen Krieges, um nur zwei Ereignisse von Rang zu nennen. Demnach ist festzustellen: Der Saal ist von großer historischer und kunstgeschichtlicher Bedeutung, sowohl deutschland- wie europaweit!

Als Hauptargument gegen die Rekonstruktion wird immer wieder ins Feld geführt, dass die Ausmalung nicht von Dürer eigenhändig ausgeführt wurde. Richtig ist, dass zur Ausführung stets mehrere Maler betraut wurden, die die Visierung (Entwurfszeichnung) des Meisters unter dessen Aufsicht umsetzen sollten. Auch Prechtl hätte seinen Entwurf übrigens nicht selbst gemalt, sondern dieser wäre von einem anderen Maler ausgeführt worden. Insofern liegt, da der Entwurf Dürers, nicht nur bezüglich der Wandbemalung, sondern für die gesamte Raumgestaltung, verwirklicht wurde, ein Hauptwerk des Meisters vor, und zwar das größte je entstandene. Aufgrund seiner herausragenden Bedeutung ist die Forderung unseres Vereins wie der Altstadtfreunde e.V. richtig: Dürer zurück ins Rathaus!

Wer würde einen Holzschnitt von Dürer nicht als Original einordnen, weil nur die Vorzeichnung vom Meister stammt, die Ausführung jedoch von einem beauftragten Holzschneider vorgenommen wurde? Aus der Tatsache, dass uns die ausführenden Maler nicht bekannt sind, weil sie urkundlich nicht erfasst werden können, kann keineswegs geschlossen werden, dass die Fresken schlecht gewesen sei. Denn das würde bedeuten, dass unter den Augen Dürers minderwertige Kunst entstanden sei.

Bei der Wandbemalung - und zwar in der Darstellung der „Verleumdung des Apelles“ - ging es Dürer nicht nur darum, die Stätte des Gerichts moralisierend auszuschmücken, sondern gleichzeitig auch um ein Memorialbildnis seiner selbst: Seit Celtis um 1500 Dürer als „deutschen Apelles“ (= berühmtester Maler des Altertums und Hofmaler Alexanders des Großen) bezeichnet hatte, wusste zumindest jeder humanistisch Gebildete, wer mit dieser Symbolfigur gemeint war: Der Meister selbst. Als besondere Pointe ergibt sich daraus eine Parallele zwischen Alexander dem Großen und Kaiser Maximilian, womit er dem Kaiser Ehre erwies.

Der zweite Haupteinwand lautet: Wir wissen nicht (oder tun zumindest so), wie die Bemalung zur Dürerzeit ausgesehen hat. Schon aus diesem Grund sei eine Rekonstruktion unmöglich. Das ist barer Unsinn. Jeder seriöse Zeitgenosse weiß, dass der Rathaussaal in der Form, wie er 1521 aussah, nicht wiederhergestellt werden kann. Der Saal kann nur in der Weise, wie er auf uns überkommen ist, d. h. im Zustand vor der Zerstörung 1945, rekonstruiert werden. Dieser ist in den Farbdias von 1944 und der Fotodokumentation von 1905 in hervorragender Weise festgehalten. Zitiert sei hier Mende in dem Vorwort zur Ausstellung 1991 Werner Tübke - Zeichnungen zum Nürnberger Rathaussaal: “Der Vorschlag des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege München, den letzten, außerordentlich gut belegbaren Zustand der Wandmalereien wiederherzustellen, hat bestechend viel für sich.”

Offensichtlich jetzt nicht mehr. Warum? Mit welcher Begründung?

Die Expertenrunde vom 7. Mai 2013, die allein vom Kulturreferat der Stadt Nürnberg einberufen wurde, behauptet, die Bemalung habe sich durch die häufigen (!) Übermalungen und Restaurierungen so weit von Dürer entfernt, insbesondere auch qualitativ namentlich bei der letzten von Haggenmiller („eine denkmalpflegerische Katastrophe!“, so die Kulturreferentin), dass eine Rekonstruktion nicht sinnvoll sein könne. Die Dokumentation dafür sei ungenügend. Dies alles sind Scheinargumente, die durch dauernde Wiederholung nicht richtiger werden. In dem Faltblatt des Fördervereins (hier einsehbar) kann man sich unschwer vom Gegenteil überzeugen.

Bei der multimedialen Zeitreise 2012 „Dürers Triumphzug“ hat sich das veranstaltende Kulturreferat nicht einmal der Mühe einer Rekonstruktion unterzogen, sondern nochmals die fotografische Dokumentation für unzureichend bezeichnet und Dürer für immer verloren erklärt, - unter entsprechender Manipulation des Bildmaterials. (Vgl. Nürnberger Altstadtbericht, Nr. 38/2013, Abb. 5, S. 6).

Doch es geht auch ganz anders : Die Bürger Augsburgs haben, im Einklang mit der Spitze der Stadt einschließlich des jeweiligen Oberbürgermeisters, das im 2. Weltkrieg völlig zerstörte Rathaus komplett restauriert. Der auf diese Weise unter Mithilfe des Denkmalschutzamtes wieder entstandene Goldene Saal beeindruckt mit seinem Glanz jährlich mehr als 110.000 zahlende Besucher als eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Fuggerstadt. - Wie ärmlich ist dagegen das Erscheinungsbild des Nürnberger Rathauses bei zumindest ebenso guten Voraussetzungen zur Rekonstruktion: In Augsburg stauen sich die Massen vor dem Rathaussaal, in Nürnberg bleiben die Türen für die Touristen verschlossen.

Doch auch das Beispiel Augsburger Goldener Saal ist nicht unumstritten. Die “Ayatollas” der Denkmalpflege und Kunstgeschichte, für die jede Rekonstruktion ein Sündenfall ist - unter ihnen rekrutierte sich bis auf eine Ausnahme das Sachverständigengremium vom 7.5.2013 - wollten in Nürnberg keine weitere Niederlage erleiden. So erklärte Frau Prof. Schädler-Saub bei der Expertenanhörung, dass die Augsburger Rekonstruktion völlig missglückt sei und sie Nürnberg vor einem vergleichbaren Fehler bewahren wolle. Bei Exkursionen mit ihren Studenten stelle sie jedes Mal neue Fehler fest! Der kürzlich in den Ruhestand gegangene oberste bayerische Denkmalschützer, Prof. Alois Greipl, beschränkte seine Argumentation weitgehend auf die griffige Formel: „Was weg ist, ist weg.“

Während auf der einen Seite die Rekonstruktion verdammt wird, erlebt auf der anderen Seite die Kopie eine Renaissance, siehe Dürerhaus bzw. die Dauerausstellung „Kaiser - Reich - Stadt“ auf der Kaiserburg, in der Originale gegenüber Repliken eher in der Minderzahl sind. Wenn aber das historisch wie künstlerisch hoch bedeutende Gesamtkunstwerk des Nürnberger Rathaussaals am Originalplatz, an dem die Verknüpfung von Kaiser, Reich und Reichsstadt sichtbar wird ist, rekonstruiert werden könnte, verweigert sich Nürnberg!

Die einmalige Chance, die “Dürerstadt” in altem Glanze wieder lebendig werden zu lassen, wird auf diese Weise vertan, es sei denn der Bürger entscheidet sich am 25. Mai 2014 dagegen. Jeder Nürnberger Bürger sollte sich daran beteiligen und seine Überzeugung zur Rekonstruktion der historischen Stätte mit seinem Votum zum Ausdruck bringen.

Dr. Werner Schultheiß

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